Kerstin in Hell

Auf dem diesjährigen Hoffest von HRpepper wird Kerstin Prothmann ihre Eindrücke zu ihrer China-Reise, die sie vor kurzem gemacht hat, teilen. Gemeinsam mit Bernhard Bartsch von der Bertelsmann Stiftung versucht sie Antworten zu finden auf die Frage: „China: Vorbild für Deutschland in Sachen Technologie und Datenschutz?“ Hier schildert sie ein paar Eindrücke dieser Reise.

„China – das ist kein anderes Land, das ist ein anderes Universum“, hat ein Kollege vor meiner Abreise mit weisen Worten zu mir gesagt. Recht hatte er. Keine Frage, die Reise hat mich geprägt.

Der Flughafen von Guangzhou ist das erste, was ich von China erlebe. Hier muss ich auf dem Weg nach Shanghai umsteigen. Brandneu und blitzsauber. Kilometerweit geht es mitten in der Nacht durch die Korridore zum neuen Abflugterminal. Alle fünf Meter Toiletten, ein riesiges Aufgebot an Aufsichts- oder Reinigungspersonal, aber andere Menschen begegnen mir kaum. Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Hürden zu überwinden. Einmal müssen an einem Automaten die Fingerabdrücke gescannt werden und es geht nur weiter mit einem Computer-Ausdruck, auf dem „Okay“ steht. Überall sehr junge, sehr ernste Gesichter mit Trillerpfeifen – die wenigsten des Englischen mächtig. Sie stempeln, scannen, kontrollieren, pfeifen, dirigieren. Ich komme mir vor wie in einem Science-Fiction Film. Merke, dass ich mich unbewusst schon angepasst habe. Das offene Lächeln und meine bisherige Unbekümmertheit sind in dem Moment gerade ein wenig weg.

Ohne Handy geht es nicht

Am Flughafen in Shanghai läuft wirklich ohne Ausnahme jeder mit dem Handy in der Hand rum. Viele benutzen die Sprachnachrichten und reden vehement auf ihr Handy ein. Kaum einer kriegt mit, wo es langgeht, man lässt sich einfach Handy-fokussiert mit der Masse treiben. Ich werde abgeholt und wir fahren mit dem Didi (die chinesische Variante von Uber) ins Hotel. Taxi, so erklärt man mir, fährt man in Shanghai nicht mehr. Die kann man nicht mit der App bezahlen, sind unhöflich und man kann sie nicht bewerten. Okay, das verstehe ich. Das haben wir in Berlin auch schon. Überhaupt ist es nicht die Technologie, die mich in Shanghai denken lässt, dass ich in die Zukunft gereist bin, sondern die Nutzung der Technologie durch die Chinesen.

Roboter und QR-Codes

QR-Codes haben wir auch, aber hier werden sie wirklich inflationär für alles benutzt. Sogar die Garderoben-Schränke in Clubs kann man mit dem QR-Code scannen, öffnen und mit WeChat bezahlen. An jedem Restauranttisch ist ein QR-Code angebracht. Man scannt mit dem Handy, bekommt die Speisekarte in der App angezeigt und bestellt dann mit dem Handy online am Tisch. Die Speisen und Getränke werden direkt mit der Bestellung auf dem Handy über WeChat oder Alipay bezahlt und kommen dann durch den Kellner an den Tisch. Noch. Wir waren auch schon in einem Restaurant, in dem die Speisen per Roboter an den Tisch gebracht wurden. Leider ohne Stäbchen und Teller, die mussten wir dann doch selbst organisieren. Interessanterweise sind die Apps mit den Speisekarten aber nicht besonders gut, oder interaktiv. Die Bilder sind klein, es gibt keine Empfehlungen und die Experience ist eher schlecht. Und vor allem: es ist alles auf Chinesisch. Eine englische Übersetzung gibt es nicht.

Mit Bargeld läuft gar nichts

Ich bin nur für ein paar Wochen im Land. Also habe ich keine chinesische Telefonnummer, die mit meinem WeChat Account verbunden ist. Online bin ich nur, wenn ich Wifi habe, also nicht auf der Straße. Ich habe auch kein chinesisches Bankkonto, was mit WeChat oder Alipay verbunden ist. Und ich kann die Sprache nicht. Damit kann ich nicht teilnehmen, am wirklichen Leben in Shanghai. Kann keine Didis bestellen und mich fortbewegen, kann im Restaurant die Speisekarte nicht scannen und lesen und kann auch nicht bestellen und bezahlen. Das Bezahlen mit Kreditkarte ist nur in ausgewiesenen touristischen Arealen möglich und mit Bargeld läuft in Shanghai schon gar keiner mehr rum.

Alle sind im WeChat-Universum

Die Chinesen hier in Shanghai leben in einer Blase. Zugegeben, in einer super großen Blase. Alles spielt sich im WeChat-Universum ab. Da wird kommuniziert, gezahlt, gesucht, verbunden, gefunden… und gespielt (Gamification ist ganz groß hier). Der echte zwischenmenschliche Kontakt wird für den virtuellen, sozialen Kontakt zurückgefahren. Und da sich alle auf dem gleichen „Spielplatz“ (WeChat) tummeln, und hier alles schön transparent und zentral zusammenläuft, sind auch alle gut zu steuern. Daten werden in Massen generiert und auch ausgewertet und weiterverarbeitet. Es ist ein riesengroßes, aber trotzdem ein geschlossenes System. Achtsamkeit, Wertschätzung, Respekt und Menschlichkeit sind keine Werte, die im System angelegt sind. Dennoch würden diese Werte so dringend gebraucht werden, in dieser nur auf Wachstum und Konsum gedrillten Gesellschaft.

Während wir in Shanghai sind, findet die große Import-Messe statt, zu der auch der Ministerpräsident aus Peking kommt. Sein Besuch führt dazu, dass alle Baustellen der Stadt innerhalb von sechs Wochen komplett abgearbeitet werden, alle Leitungen entlang der Straßen, die er befährt, unterirdisch verlegt werden, während auf den Straßen ein Meer von Blumen und eigens eingeflogenen Bäumen arrangiert wird. Auf den Dächern Scharfschützen, für die Bewohner der Messegegend Ausgangssperren und für die Unternehmen Zwangsurlaub für die Dauer des Besuches. Was für eine Demonstration von Macht und Stärke, aber vielleicht auch ein Zeichen von Angst und Unsicherheit.

Ein ganzer Stadtteil nur mit Online-Händlern

Wenn China die Fabrik der Welt ist, dann ist Yiwu das Shopping-Center der Welt, hierhin verschlägt es uns als nächstes. Die Stadt hat weniger als eine Millionen Einwohner, also für chinesische Verhältnisse ein Dorf, aber sie ist DER Umschlagplatz für alle nur erdenklichen Waren aus China. Hier werden alle Produkte, die im Land hergestellt werden in mehr als 70.000 Shops an Großhändler verkauft. Es gibt alles. In Mengen. Direkt neben unserem Hotel ist der Eingang und man braucht Wochen, um sich in dem Labyrinth von Shops zurecht zu finden. Vor den Toren der Stadt das Tao Bao E-Commerce Village. Ein ganzer Stadtteil nur mit Online-Händlern. Die Dimensionen in diesem Land sind schon beachtlich. Zum Beispiel machen am Singles Day (Double Eleven oder 11.11.) Alibaba und andere große e-commerce Player an einem Tag einen Umsatz, der ungefähr mit dem von Amazon Deutschland im ganzen Jahr vergleichbar ist.

Suzhou in der Nähe von Shanghai entpuppt sich als eine nette Überraschung. Es gibt eine schöne Altstadt und direkt vor unserem Hotel macht eine Gruppe von älteren Damen eine Art Chi-Gong auf der Straße. Ich bin begeistert, ein Stückchen Bilderbuch-China entdeckt zu haben. Hier erlebe ich auch mein erstes chinesisches Business-Bankett. Hervorragendes Essen, serviert auf einer gläsernen-Tischplatte, die vom Gastgeber immer weitergedreht wird. Erst im Nachhinein lese ich in einem Reiseführer, dass es unhöflich ist, sich vor dem Gastgeber etwas aufzutun. Auch wenn der Gastgeber einen dazu auffordert, sollte man das mehrmals höflich ablehnen und ihm die Ehre des ersten Bissens zuteil werden lassen. Ein Fettnapf, in den ich mit Anlauf reingesprungen bin.

Bevor wir zu einer Woche „Urlaub“ in der ländlichen Yunnan Provinz aufbrechen, bleibt noch Zeit das Leben in einer Mall zu studieren. Hier verbringen wohlhabende chinesische Familien einen Großteil ihrer „freien“ Zeit. Es gibt Intensiv-Nachhilfeunterricht für Schüler, eine künstliche Eisbahn, ein Bällebad, ein Karussell mit Pferdchen und vieles mehr. Nur Bäume und Natur spielen in ihrem Alltag in den großen Städten so ziemlich keine Rolle. Was werden das für Menschen, die in riesigen Wohnblöcken aufwachsen, ihre Freizeit in Malls verbringen und später in ebenso riesigen Bürogebäuden einem Job nachgehen werden und dabei konstant in der virtuellen Welt des WeChat Universums gefangen sind?

Wunderschöne Landschaften

Auf unserer Reise durch Dali, Saxi und Li Jiang, beim Wandern durch die Tigersprungschlucht finden wir sie dann, die Überreste des „alten China“. Wunderschöne Landschaften, restaurierte Tempel und Altstädte und alte Traditionen begegnen uns. Interessant zu beobachten: Jedem Trend folgt ein Gegentrend. Nachdem in den letzten Jahren ein Großteil der Altstädte abgerissen wurde, um moderne Hochhäuser und Wolkenkratzer zu bauen, können wir jetzt auch erleben, wie die verbleibenden Altstädte renoviert und im gleichen Stil erweitert werden (new Old Town, heißen sie dann). Und auch ein Trend zu mehr Begrünung und dem Rückzug in die Natur scheint es zu geben. Vielen Chinesen ist ihr eigenes Leben zu schnell geworden, so erfahren wir.

Was habe ich mitgenommen, von dieser super spannenden Reise in eine ganz andere Welt?

  • China muss man gesehen und erlebt haben, vorstellen kann man sich die Dimensionen des Landes nicht wirklich
  • Nichts ist wie es scheint und es gibt immer Überraschungen. Oft auch sehr positive.
  • Was das Nutzen von Technologie betrifft, ist China ein Land der Extreme. Einerseits sind die Menschen sehr offen, was Entwicklungen der Digitalisierung angeht, es gibt eine gewisse Leichtigkeit. Insbesondere ist die große Bedeutung des Smartphones sehr auffällig. Andererseits ist China aber auch ein Land der Bürokratie, der Papierberge und Stempel.
  • Ich fühle mich aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse und der eingeschränkten Nutzungsmöglichkeit von WeChat oft ausgeschlossen.
  • Dafür ist das Essen hervorragend und bleibt noch lange in positiver Erinnerung.

Kerstin Prothmann ist Partnerin bei HRpepper und gibt beim Hoffest am 24.5. gemeinsam mit Bernhard Bartsch von der Bertelsmann Stiftung eine Session mit dem Titel: „China: Vorbild für Deutschland in Sachen Technologie und Datenschutz?“

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