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Die New Work Experience von Xing ist ein bemerkenswertes Großereignis – viel Prominenz, Glamour, Unterhaltung – und Oberflächliches.

Es gab eine Zeit in meinem Leben – Ende der 80er Jahre –, da war „Wetten, dass“ im Fernsehen ein absolutes Highlight für mich. Schon Tage vorher freute ich mich wie ein Keks auf die von Frank Elstner und später Thomas Gottschalk moderierten TV-Show am Samstagabend im ZDF. „Wetten, dass“, das war lockere, leichte Unterhaltung, viel Prominenz (manchmal sogar mit richtigen Superstars) und irgendwie die große Show-Welt. Das war gutes altes lineares Fernsehen, das es schaffte, die ganze Familie vor dem Apparat zu versammeln. Jeder, egal ob jung oder alt, fühlte sich bei Elstner bzw. Gottschalk gut aufgehoben. YouTube oder Netflix brauchten wir nicht. Und niemand zwang uns zum nervigen Mitmachen. Wir waren keine „Teilgeber“ oder so ein neumodischer Schnickschnack. Wir aßen Salzstangen, tranken Kakao, konsumierten einfach und fertig.

Auf meinem Nachhauseweg von der New Work Experience (NWX) von Xing in der vergangenen Woche in der Hamburger Elbphilharmonie fragte ich mich, wie sich der Besuch dieser besonderen Veranstaltung denn nun angefühlt hatte. Und in mir kam dieses „Wetten, dass“-Gefühl hoch. Die NWX ist wie „Wetten, dass“ damals, dachte ich: richtig gute, wenn auch leichte, Unterhaltung, hoher Glamour-Faktor sowie wahnsinnig viele Prominente. Eine Show, die man nur konsumieren muss ohne selbst groß aktiv zu werden. Auch die Interaktionsrate ist bei beiden Shows ähnlich: Bei „Wetten, dass“ wählten die Zuschauer die beste Wette, bei der NWX konnte man den New Work Award-Gewinner bestimmen. Mehr wurde das Publikum allerdings nicht einbezogen (außer vielleicht jeweils drei Minuten Q & A) Auch dass es kein W-Lan gab, hatte was von der guten alten Zeit und ließ nostalgische Gefühle entstehen.

Laloux, Semler, Fischer – die Namen könnten nicht größer sein

Die NWX besticht im Vergleich zu anderen Events dieser Art durch zwei Dinge: das erste ist natürlich die Location. Die faszinierende Architektur der Elbphilharmonie und die Aussicht auf den Hafen sind zumindest für diejenigen, die noch nie dort waren, schon den Eintrittspreis wert. Der große Konzertsaal lässt einen demütig werden. Man sitzt (ziemlich gemütlich) und staunt – auch über die Akustik, wenn der Beifall sich breit macht. (Wenn aber eine einzelne Person spricht, ist die Akustik im Saal nicht überall gleich gut). Das zweite sind die Speaker der NWX. Nirgendwo sonst gibt es ein Event zu HR, Transformation oder dem neuen Arbeiten, dass solche hochkarätigen Speaker aufweisen kann – ansatzweise vielleicht noch der Personalmanagementkongress. Allein Frederic Laloux als Redner gewonnen zu haben, ist wirklich eine kleine Sensation gewesen. Der Autor von „Reinventing Organizations“ tritt nämlich kaum öffentlich in Erscheinung und dürfte nicht billig gewesen sein. Das Gleiche gilt für Ricardo Semler. Der Brasilianer hat schon früh, nämlich in den 80er Jahren, in seiner Firma Semco seinen Mitarbeitenden erhebliche Verantwortung übertragen. Sie wählen beispielsweise ihre Vorgesetzten und entscheiden selbst über ihre Arbeitszeiten. Weitere große Namen unter den Speakern waren unter anderem Sascha Lobo, Joschka Fischer, Gerald Hüther (Hirnforscher) und Kathrin Menges (Personalvorstand bei Henkel).

Was für eine großartige Initiative: WOL bei Bosch

Hervorzuheben ist auch der New Work Award, weil er immer wieder tolle Menschen und Projekte in den Vordergrund hebt. Und dieses Jahr hat unter anderem mit der WOL-Initiative von Bosch eine wunderbare Bewegung gewonnen, die beeindruckt – und das im Bereich „Team“. Denn ein aktuell 13-köpfiges Team arbeitet virtuell und transparent sichtbar in und mit einer Community: freiwillig, selbstorganisiert und selbstbestimmt, „angetrieben durch Begeisterung und Motivation“, wie Katharina Krentz von Bosch schreibt. Sie hat einen sehr sympathischen Vortrag bei der NWX gehalten.

Ich bin mir sicher, dass Working out Loud in großen Konzernen einiges bewegen kann und hier haben wir ein Beispiel, das eine gute Mischung gefunden hat zwischen Graswurzelbewegung und einer zentralen Steuerung.

Weitere interessante Gewinner sind zum Beispiel im Bereich „Unternehmen/Institutionen“ Rheingans Digital Enabler und Alnatura.

Und Jobsharing geht doch!

Was den Inhalt der Vorträge und Diskussionen angeht, gab es durchaus vereinzelte Highlights. Der Hirnforscher Gerald Hüther ist immer eine sichere Bank. Er gibt der Sehnsucht nach einem anderen Arbeiten ein wissenschaftliches Fundament. Und er sagt Sätze zum an die Wand malen („Man kann nur da lebendig sein, wo man gestalten kann.“). Sascha Lobo ist hörenswert, weil er glaubhaft gut die Chancen und Risiken der Entwicklungen der Digitalisierung darlegen kann. Katharina Krentz von Bosch hört man gerne zu, weil sie so begeisternd über die WOL-Initiative im Konzern sprechen kann. Und die Story zur Person Chan ist eine wunderbare Geschichte, die die notwendige Veränderung so schön plastisch macht. Christiane Haasis und Angela Nelissen teilen sich bei Unilever einen Job und sind unter dem Pseudonym „Chan“ wie eine Person bei dem Konzern unterwegs. Wie eingespielt die beiden Frauen sind, konnte man gut auf der Bühne erkennen. Dass Jobsharing auch in Führungspositionen möglich ist, wollte man nach dem Vortrag gerne glauben.

Doch die Mehrheit der Vorträge war für mich persönlich inhaltlich enttäuschend. Das gilt zum Beispiel auch für den sympathischen Frederic Laloux, der wohl eines der wichtigsten Wirtschaftsbücher der letzten 30 Jahre geschrieben hat. Leider hat er quasi nur das Buch wiedergegeben, das schon fünf Jahre alt ist. Was auch interessant gewesen wäre:

Mal seine 12 untersuchten Organisationen nach all den Jahren anschauen: Wie geht es ihnen heute? Am Ende muss jede Organisation ihren eigenen individuellen Weg aushandeln und verfolgen. Auf welchen Weg befinden sie sich jetzt?

Eine Konferenz für New Work-Neulinge

Ich würde sagen, es kamen vor allem diejenigen auf ihre Kosten, die mit Themen rund um New Work, digitale Transformation und Agilität noch nicht allzu viele Berührungspunkte hatten. Wer zum Beispiel jahrelang in einem klassischen Unternehmen unter „Command-Control-Chefs“, Silodenken und einer starren sowie miefigen Organisationskultur leidet und sich nun vor einigen Wochen aufgemacht hat, um herauszufinden, ob es da draußen in der Arbeitswelt noch Alternativen gibt, der dürfte auf der diesjährigen NWX auf seine Kosten gekommen sein. Er hat vermutlich kräftig genickt, als er gehört hat, dass es beim neuen Arbeiten um mehr als Methoden geht, Unternehmen nicht nur als gut geölte Maschinen betrachtet werden dürfen und die Umwelt komplexer geworden ist, weshalb die alten Antworten nicht mehr funktionieren. Das ist alles wahr und keinen Widerspruch. Doch selbst die meisten Unternehmen sind schon weiter und ringen derzeit um ihren eigenen individuellen Weg. Viele Beiträge blieben an der Oberfläche oder waren langweilig oder beides.

New Work passt immer

Insgesamt kann man vielleicht sagen, die Diskussionen und Vorträge waren halt eher nicht für ein Fachpublikum. Das ist völlig okay. Wichtig ist die Meinung des Publikums und das war in der Mehrheit begeistert. New Work – da versteht jeder etwas anderes drunter und deswegen kann eine New Work-Konferenz auch ruhig Vorträge haben, die viel Allgemeines erzählen. New Work ist für jeden.  New Work ist wie ein Kleid, das jedem passt, egal, wer es anzieht.

Und deshalb ist es wahrscheinlich ebenfalls in Ordnung, die Elbphilharmonie als Eventort zu wählen, auch wenn das Netzwerken aufgrund der vielen Ebenen und verwinkelten Gänge eine Herausforderung ist. Womit ich persönlich mehr Probleme hatte, war die Tatsache, dass es fast nur klassische Formate bei der NWX gab – wie in der „Wetten, dass“-Zeit. Keine Interaktion, keine offenen Formate, keine Überraschungen. Die Stars predigten von der Kanzel und das Publikum konsumierte. Das war mir dann doch etwas zu altmodisch. Genauso wie das nicht vorhandene W-Lan. Nichts gegen Digital Detox, finde ich super, mache ich aber lieber mit der Familie. Ich arbeite aber halt nun mal gerne remote.

„Wetten, dass“ hat es früher immer geschafft, dass man am darauffolgenden Montag in der Schule eine Menge Gesprächsstoff hatte: „Hast du das gesehen? Wahnsinn. Der war auch noch da. Ein Superstar… „ Das hat auch die NWX geschafft. Es wird darüber geredet, über dieses „Erlebnis“ NWX in der Elbphilharmonie. Also, alles richtig gemacht.

2 Kommentare

Stefan Knecht sagt:

Wenn ‚alles richtig gemacht‘ gilt — wie geht sich das aus mit ‚Viele Beiträge blieben an der Oberfläche oder waren langweilig oder beides‘ ?
(Frage für einen Freund)

Lieber Stefan Knecht,
der letzte Satz bezieht sich auf NWX als Gesprächsthema, es wird Awareness geschaffen. Oberflächliche Themen ja, aber für die NWX-Einsteiger war es gut.

VG Jan Weilbacher

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