Foto Work Awesome

New Work zwischen grauen Schläfen, Segelyachten und autonomen Schmetterlingen – ein Besuch der Work-Awesome-Konferenz 

Früh an einem kalten Novembermorgen stehen etliche Menschen im Eingang der Villa Elisabeth in Berlin-Mitte und ersuchen am 29.11. Einlass bei der Konferenz Work Awesome, die zum zweiten Mal stattfindet. Nach einem längeren Eingangsritual drängen sich die vielen Gäste in den kuschlig warmen Saal, einige finden keinen Sitzplatz und stehen schließlich angelehnt an den Wänden. Das Interesse ist groß. In kurzen Keynotes und acht Podiumsdiskussionen pflügt sich die Veranstaltung durch das Themenspektrum rund um die Zukunft der Arbeit. Jede Session wird beendet mit einer kurzen Fragerunde aus dem Publikum. Highlight ist der Bericht der Unternehmer Maren und Matthias Wagner von der Digital Agentur Vast Foreward. Sie führen ihr Geschäft von einem Katamaran aus und sind in den schönen Segelrevieren unterwegs. „Das will ich auch mal machen“, ist das am häufigsten gehörte Zitat in der anschließenden Kaffeepause. New Work als schwankender Sehnsuchtsort der vielfach ergrauten Zuhörer. Ohnehin ist der Altersschnitt recht hoch. Für New Work scheinen sich die Menschen zu interessieren, die die vermeintliche Old Work noch erlebt haben. Offensichtlich finden die heute Jungen eine moderne Arbeitswelt mit Augenhöhe, Vertrauensarbeitszeit, Freizügigkeit und Meinungsfreiheit halt normal. Oder ihnen ist schlicht der Eintrittspreis zu hoch.

Mehr Interaktion wäre wünschenswert

Bei aller inhaltlichen Brillanz auf der Bühne und einer sicheren sowie geistreichen Moderation des Initiators Lars Gaede leidet die Veranstaltung etwas an zu geringer Interaktion. Als Sabine Kluge eine kleine Übung aus dem Spektrum des „Working out Louds“ anmoderiert, bricht sich die aufgestaute Energie Raum und es wird sich ohrenbetäubend miteinander ausgetauscht. Mehr im Laufe des Tages miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen zu können, wäre noch etwas besser gewesen.

Die Praxisberichte von unter anderem Otto, Vitra, SAP, Deloitte, Kienbaum und Metaplan zeigen viele Handlungsmöglichkeiten auf und geben Hinweise wie diese Lösungen in der Praxis umgesetzt werden können. Wirklich neu ist keines der vorgestellten Konzepte. Von zirkulären Organisationsbildern, Holocracy-Elementen sowie agilen Methoden und Wahlprozessen bis zu Meditation und Haltungsfragen wird alles ausbuchstabiert, was aktuell in der Community diskutiert wird. Beeindruckend ist die Warnung der St. Gallener-Forscherin Heike Bruch: „75 Prozent der Unternehmen, die New Work eingeführt haben, hadern damit. Wir haben alle die Verantwortung mitzuhelfen, dass diese nicht daran scheitern werden. Ansonsten nehmen diese Konzepte ernsthaften Schaden.“ Das Publikum wirkt irritiert.

Viele Inspirationen bleiben in Erinnerung

Damit trifft sie den Kern und weist auf einen konzeptionellen Schwachpunkt der Konferenz hin. Das Programm ist eine wohltemperierte Ansammlung an Vertretern der New-Work-Welt, die überwiegend auf Gleichgesinnte treffen. Die in der Praxis immer wieder anzutreffenden Ambivalenzen – wie zum Beispiel Wirksamkeitszweifel, Ängste der Betroffenen, Einführungsschmerzen, kulturelle und menschliche Voraussetzungen – bleiben weitgehend außen vor oder werden, wenn sie durch fragende Gäste an die Vortragenden auf dem Podium gerichtet werden, mit vielen Worten zurückgewiesen. Mehr kritische Distanz hätte dem Austausch durchaus gutgetan.

Am Ende freue ich mich, so viele Bekannte wiedergetroffen zu haben. Auch viele Inspirationen bleiben in Erinnerung, wie beispielsweise der autonom fliegende künstliche Schmetterling von Festo, der als Innovationsprojekt in Anlehnung an die Natur (Bionik) entwickelt wurde und seine Runden über den Zuhörern drehte oder eben jenes Ehepaar, das von einer Segelyacht ihre Firma führt. Als selbstkritischer Berater bleibt aber auch die Erkenntnis zurück, dass alle in dieser Welt nur mit Wasser kochen.


Disclaimer: HRpepper ist Unterstützer der Work Awesome

   
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