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Das Thema der Selbstorganisation gewinnt in immer mehr Unternehmen an Bedeutung. Während sich allerdings die Wirtschaftswelt in der Breite erst seit wenigen Jahren dem Thema nähert, gibt es andere Gesellschaftsbereiche, die mit den Prinzipien und Erfolgsfaktoren des selbstorganisierten Arbeitens schon lange vertraut sind. Dazu gehört unter anderem das Pfadfindertum. Maximilian Meifert (16) ist Pfadfinder. Im Gespräch mit seinem Vater Matthias (51) diskutiert er über die Prinzipien der Pfadfinderei und was vor allem Erwachsene sich von ihr abschauen können. 

Gemeinhin wird der Selbstorganisation eine wundersame Wirkung zugeschrieben. Sie soll Organisationen schneller, adaptiver und innovativer machen und nebenbei das Sinnerleben des Einzelnen erhöhen. Dass das im Alltag auch Herausforderungen bereithält, wurde an anderer Stelle bereits ausgiebig erörtert. Trotzdem sollte der großartige Nutzen, der von ihr ausgeht, nicht unterschätzt werden. Von einer dreiwöchigen, selbstorganisierten Großfahrt heimgekehrt, hat sich Rover Maximilian Meifert (Pfadfindername: Efeu) mit seinem Vater über die Prinzipien der Pfadfinderei unterhalten und mit ihm über Analogien zur Wirtschaft diskutiert.

Matthias: Ihr wart drei Wochen in einer Gruppe von 13- bis 18-jährigen Jugendlichen in Frankreich wandern. Wie fühlt es sich an, ohne Eltern für alles verantwortlich zu sein, was passiert?

Max: Man fühlt sich völlig frei und selbstbestimmt. Trotzdem ist da immer die Herausforderung, sich um alles selber kümmern zu müssen. Dazu zählt besonders der nächste Schlafplatz, die Route, das Essen, die Laune der Anderen, etc. Den erfahrenen Pfadfindern ist dabei immer klar, wenn eine Gruppe eine gute Zeit erleben möchte, muss sie selbst etwas dafür tun. Wenn sich beispielsweise keiner findet, um einzukaufen, dann müssen wir alle halt hungrig am Abend in die Schlafsäcke kriechen. Wir lernen voneinander, dass wir uns gegenseitig auch mal motivieren müssen, um manche Strapaze durchzuhalten. Es geht darum, große und kleine Herausforderungen gemeinsam zu meistern und am abendlichen Lagerfeuer einander davon zu erzählen.

Matthias: Was ist das Faszinierende daran, dass ihr im Freien übernachtet und recht spartanisch in diesen Wochen lebt?

Max: Das Allerwichtigste ist, dass wir miteinander Spaß haben. Auch wenn wir schon ein wenig erwachsen geworden sind, genießen wir doch alle auf den Fahrten und Lagern auch Kind sein zu dürfen. Unsere Traditionen legen uns nah, dass wir nur ein Notfallhandy dabeihaben und ansonsten gar keine digitalen Medien nutzen. Dadurch haben wir einfach Zeit füreinander, erleben die Natur und pflegen vergessene Rituale. Wir singen am Feuer, spielen Karten, bereiten Essen zu, sammeln Brennholz, bauen Zelte auf, spielen viel usw.

Matthias: Von außen betrachtet, seid ihr alle gleichberechtigt und habt keinen „Bestimmer“ mit dabei. Wie trefft Ihr denn in eurem Team Entscheidungen?

Vertrauen in den Stammesrat

Max: Ganz so stimmt das nicht. Wir sind zwar als Pfadfinder selbstorganisiert, aber es gibt verschiedene „Ränge“, die nach Alter und persönlicher Reife gegliedert sind. Die Erfahrenen unter uns leiten die wichtigsten Entscheidungen an und haben ein Vetorecht, wenn Streitigkeiten entstehen sollten oder auf Reisen Gefahren drohen. Bei grundsätzlichen Entscheidungen in unserer Gemeinschaft vertrauen wir auf den monatlich tagenden Stammesrat. Dieser setzt sich aus der von allen gewählten Stammesführung, den Gruppenleitungen, Kassenwart sowie den älteren Rangern und Rovern zusammen. Die Entscheidungen kommen per Abstimmung mit einfacher Mehrheit zustande. Eigentlich müssen wir nie die Stimmen auszählen, weil wir uns in der Diskussion bereits einigen.

Matthias: Was passiert, wenn sich dabei keine klare Meinung herausbildet?

Max: Sollte es vorkommen, dass bei einer sehr, sehr wesentlichen Entscheidung keine Einigung erzielt wird, würde es zu einer Abstimmung im gesamten Stamm kommen. Jedes Mitglied hat dann die gleiche Stimme. Das ist bis jetzt in unserem Stamm der Waringer noch nicht vorgekommen.

Matthias: Das klingt ja fast wie eine perfekte Welt. Habt ihr denn nie Stress miteinander? Wie geht ihr denn beispielsweise mit Konflikten untereinander um?

Max: Diese Frage hängt sehr vom Alter der Beteiligten ab. Vieles klärt sich im gemeinsamen Spiel. Man trennt die Streithähne und redet mit Beiden. Bei ernsteren Themen beratschlagt die Gruppenleitung, was zu tun ist. Mal ist es ein ermahnendes Einzelgespräch, ein Austausch mit den Eltern und mal eine Aussprache in der kompletten Gruppe. Wir nennen das dann den „Ratsfelsen“. In besonders schwerwiegenden Fällen kann der Stammesrat ein Vereinsausschlussverfahren einleiten. Das kam bei uns erst einmal vor. Das ist dann nicht schön, war aber in diesem Fall notwendig. Ein Sippling war in unser Pfadfinderheim eingebrochen, hatte sich dort breit gemacht und unsere Ausrüstung beschädigt.

Matthias: Was meinst du, was wir Erwachsenen von euch lernen können?

Max: Wenn wir unsere Pfadfinderkluft anziehen und auf Reisen sind, dann entfliehen wir für eine gewisse Zeit unserem Alltag. Wir lassen ihn komplett hinter uns und leben in und mit der Natur. Das ist eine Erfahrung, die euch Erwachsenen auch guttun könnte. Einfach mal das Handy weglegen und wirklich abschalten. Daneben hilft uns unsere traditionelle Kleidung, uns miteinander zu verbinden. Gesellschaftliche Unterschiede treten in den Hintergrund. Mit der Kluft ist jeder ein Pfadfinder, ob dick oder dünn, arm oder reich, schwul oder hetero. Das lehrt uns früh die Toleranz füreinander. Davon könnt ihr Erwachsenen euch auch manchmal eine Scheibe abschneiden. Insgesamt glaube ich, dass wir Pfadfinder eine Menge schon vor unserem Schulabschluss lernen, was uns in unserem Erwachsenenleben helfen wird. Das, was häufig Teilnehmer in Seminaren lernen sollen, haben wir Pfadfinder schon in jungen Jahren erlebt.

Matthias: Vielen Dank lieber Max für dieses Gespräch.

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