Agile Werte sind (nicht) förderlich für die Innovationsfähigkeit von Teams

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Die Agilität gilt derzeit als die eierlegende Wollmilchsau in Unternehmen, um den Innovationsdruck bezüglich „New Work“ und Digitalisierung erfolgreich zu meistern. Welche Rolle spielen dabei agile Werte? Haben diese einen positiven Einfluss auf die Innovationsfähigkeit von Teams?

Die Anforderungen an Organisationen im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung werden zunehmend komplexer. Gefordert sind eine hohe Innovationskraft und eine hohe Anpassungsfähigkeit der Unternehmen an eine sich schnell verändernde Umwelt. Für Mitarbeiter bedeutet dies, dass Innovationen nicht mehr nur im Bereich Forschung und Entwicklung von Bedeutung sind. Im Gegenteil, in Zukunft muss jede Abteilung mitdenken und an Verbesserungen arbeiten (Hofert, 2016). Gleichzeitig wird deutlich, dass das nötige Wissen für die Lösung komplexer Problemstellungen nicht mehr nur in einem Bereich oder gar in einer Person zu finden ist. Das macht die erfolgreiche Zusammenarbeit in Teams und deren Innovationsfähigkeit bereits heute und auch zukünftig entscheidend für den Unternehmenserfolg. Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit Teams eine hohe Innovationskraft entwickeln können? Welche Rolle können hierbei agile Werte spielen?

Positive Einflussfaktoren auf die Innovationsfähigkeit von Teams

Zunächst lohnt sich ein Blick auf relevante Faktoren, welche die Innovationsfähigkeit von Teams fördern. In einer groß angelegten Meta-Analyse haben sich die Organisationspsychologen Ute Hülsheger und Neil Anderson (2009) dieser Fragestellung gewidmet und übergreifend Faktoren ermittelt, die die Innovationskraft von Teams begünstigen. Die Forscher untersuchten 15 Teamfaktoren, die sie aus über hundert internationalen Studien der letzten 30 Jahre entnahmen, hinsichtlich ihrer Bedeutung für Innovation. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere vier Faktoren einen nachweislich positiven Einfluss auf die Innovationsfähigkeit von Teams haben: Vision, externe Kommunikation, Unterstützung von Innovationen und Leistungsorientierung (Anderson & Hülsheger, 2009).

Der Faktor Vision hat den größten Einfluss auf die Innovationsfähigkeit von Teams. Er beschreibt zu welchem Grad die Teammitglieder ein gemeinsames Verständnis ihrer Ziele haben und ein hohes Commitment gegenüber diesen Zielen zeigen. Das Team bindet sich an die Ziele, die meist einen visionären Charakter haben, und hält diese für erreichbar (West 1990). Klare Ziele zu haben, hilft den Teammitgliedern ihre Ressourcen gezielt einzusetzen. Darüber hinaus können sie der Arbeit des Teams Sinn und ein Gefühl der gemeinsamen Verantwortung verleihen (West, 1990; West & Anderson, 1996).

Die externe Kommunikation bezieht sich speziell auf die Verbindungen, die ein Team außerhalb des Unternehmens und des eigenen Bereichs hat. Die Forscher Perry-Smith und Shalley(2003) haben nachgewiesen, wie wichtig diese externen Beziehungen für Innovation sind. Interaktionen mit Personen aus anderen funktionalen Bereichen erhöhen die Wahrscheinlichkeit neues Wissen zu erlangen und neue Perspektiven einzunehmen. Dadurch wiederum wird die eigene Ideenentwicklung angeregt und Vorgehensweisen von anderen in die eigene Organisation übertragen (Hülsheger, Anderson, 2009).

Bei der Unterstützung für Innovationen geht es darum, dass die Erwartung, Anerkennung und praktische Unterstützung dafür vorhanden ist, neue und verbesserte Wege in der Arbeit zu finden (West, 1990). Somit benötigt es ein Arbeitsumfeld, in dem Innovation unterstützt wird und es institutionelle Normen und Prozesse zu deren Förderung gibt. Wenn die Organisation und Teams sichtlich offen für Veränderung sind, neue Ideen wertschätzen, bekannt machen und belohnen, steigert das die Innovationskraft. Ebenso entscheidend ist die personelle Unterstützung durch Führungskräfte und Kollegen (Amabile et al., 1996; Madjar, Oldham & Pratt, 2002).

Der Faktor Leistungsorientierung beschreibt die Ausführung von Aufgaben eines gemeinsamen Anliegens mit exzellenter Qualität (West, 1990). Teams, bei denen dieser Faktor sehr hoch ist, streben nach höchsten Standards und bestmöglicher Leistung. Dies stellen die Teams für sich sicher, indem sie sich gegenseitig überprüfen, Feedback geben und sich untereinander für ihre Leistung und ihre Ideen loben und wertschätzen. Diese Auseinandersetzung im Team führt dazu, dass unterschiedliche Meinungen und Lösungswege diskutiert werden. Dies wiederum verbessert die Qualität von Entscheidungen und Ideen und erhöht somit die Innovationskraft im Team (Somech, 2006).

Wie lassen sich diese Ergebnisse von Hülsheger und West (2009) mit der Innovationsfähigkeit von agilen Teams in Beziehung setzen? Fördern agile Werte die Innovationsfähigkeit von Teams?

Agile Werte spiegeln sich in den Faktoren für die Innovationsfähigkeit von Teams wider

Die agilen Werte sind abgeleitet aus dem agilen Manifest und lauten: Mut, Offenheit, Respekt, Fokus und Commitment (Fowler & Highsmith, 2001). Svenja Hofert (2016) erweitert sie um die Werte Feedback und Kommunikation. Wenn man diese Werte in Bezug zu den positiven Einflussfaktoren für Innovationsfähigkeit in Teams nach Hülsheger und West (2009) setzt, fällt auf, dass sie sich darin eindeutig widerspiegeln (Hofert, 2016).

Faktoren für Innovationsfähigkeit in TeamsAgile Werte
VisionFokus, Commitment, Respekt
Externe KommunikationOffenheit, Kommunikation, Feedback
Unterstützung von InnovationenMut, Kommunikation, Offenheit
LeistungsorientierungFokus, Commitment, Feedback

Die gemeinsame Vision des Teams ermöglicht klare Ziele und eine Identifikation mit den Aufgaben. Dies entspricht den Werten Commitment und Fokus in der agilen Welt. Ziele, Rollen und Aufgaben sind klar definiert und Grundvoraussetzung für agiles Arbeiten.  Gegenseitiger Respekt ist die Basis für agile Zusammenarbeit und unterstützt auf dem Weg zur gemeinsamen Zielerreichung. Externe Kommunikation mit Personen außerhalb des eigenen Teams oder der Organisation erfordert Offenheit für einen fruchtbaren Austausch und verschiedene Perspektiven. Die Fähigkeit Feedback einzufordern ist ebenso entscheidend, um Impulse von außen aufnehmen und verarbeiten zu können. Die Unterstützung von Innovationen verlangt Mut von allen Beteiligten. Wer sich traut zu experimentieren und Fehler zu machen, schafft etwas Neues. Es benötigt eine grundsätzliche Offenheit gegenüber neuen Ideen. Ohne eine eindeutige und intensive Kommunikation fehlt das Verständnis für neue Wege.  Die Werte Commitment und Fokus finden sich in der Leistungsorientierung wieder. Sie sind dafür verantwortlich, dass jedes Teammitglied das gemeinsame Ziel verfolgt, sich an Absprachen hält und seine klar definierten Aufgaben fertigstellt. Regelmäßiges Feedback unterstützt den Austausch und sichert die Qualität.

Die eindeutige Wiederspiegelung der agilen Werte in den zuvor beschriebenen Faktoren lässt darauf schließen, dass diese sehr gute Voraussetzungen schaffen, um Teams innovativer zu machen.  Die Wissenschaft bietet hierfür allerdings noch nicht genügend belastbare Studien an, so dass die Thematik Potenzial für ein spannendes Forschungsfeld verspricht.

Agilität beruht auf einem gemeinsamen Wertesystem und empirischen Vorgehen

In der Praxis besteht häufig der Ruf nach agilen Praktiken und Methoden, wenn Innovations- und Veränderungsdruck größer und eine digitale Transformation angestrebt werden. Dabei wird den zugrundeliegenden agilen Werten und Prinzipien oft kaum Beachtung geschenkt. Wenn solche Vorhaben scheitern, ist der Frust groß und das Konzept Agilität landet im Mülleimer: „Es funktioniert ja eh nicht“. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass genau solche Projekte scheitern, bei denen sich Organisationen nur auf die Einführung von agilen Praktiken konzentrieren. Das Konzept Agilität besteht nicht umsonst aus Mindset und Methodik. Das agile Mindset, sprich agile Werte und Prinzipien, ist unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg in der Anwendung von agilen Methoden. Die Einführung eines Kanban-Boards kann im Team schnell zur Herausforderung werden. Bei dieser agilen Methode werden Arbeitsschritte visualisiert und es wird sichtbar wer, wie schnell, wieviel, schafft. Das kann Unbehagen auslösen. Dafür braucht es agile Werte wie Offenheit und Respekt, damit man sich im Team gegenseitig unterstützt und vertraut.

Die einzelnen agilen Praktiken haben alle ihre Berechtigung, aber diese blind nachzuahmen, ohne den Werten eine Bedeutung beizumessen, ist nicht zielführend. Nicht die Prozesse allein machen Teams erfolgreich, sondern die Kombination aus einem gemeinsamen Wertesystem und einem empirischen Vorgehen. Es braucht zunächst die richtigen Voraussetzungen dafür, damit ein Team agil und innovativ arbeiten kann. Dazu gehört die Vermittlung der agilen Werte und Prinzipien, welche dann durch angewandte Methoden erlebbar gemacht werden können. Unter diesen Bedingungen können Teams ihre Innovationskraft voll ausschöpfen und dadurch die Anpassungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Organisation deutlich steigern. Wie kann das gelingen?

Jede Veränderung bedeutet auch einen Kultur- und Wertewandel. Dafür müssen Menschen abgeholt werden. Es braucht Befähigung, Beteiligung und intensive Kommunikation – und eine Strategie. Hierbei ist es von besonderer Bedeutung das „Warum“ der Veränderung zu klären und den organisationalen und kulturellen Reifegrad zu bestimmen. Dann kann ein individuelles, iteratives Vorgehen erarbeitet werden, das die Voraussetzungen für mehr Innovationskraft im Unternehmen schafft. Und ja, das benötigt Commitment, Mut, Fokus, Offenheit, Respekt, Feedback und Kommunikation.

Quellen:

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