Leadership Fiction: Die Kraft der Empathie

Menschen lernen nicht nur durch Erfahrung. Sie lernen auch durch Beobachtung und Imitation. Albert Bandura, Mitentwickler der sozial-kognitiven Lerntheorie, zeigte, dass ein Vorbild nicht persönlich anwesend sein muss. Es kann ebenso in einem Film oder einer Serie auftreten. Unsere Kolumne „Leadership Fiction“ nutzt fiktive Figuren aus TV-Serien, Filmen oder Romanen, um über Führung auf nahbare Weise etwas zu lernen.

Empathie und Gründer:innengeist

Die Serie „Pose“ entführt in die New Yorker Ballroom-Szene der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Diese Bewegung wurde vor allem von People of Colour aus der queeren Community geprägt. Viele erlebten Diskriminierung und lebten am Rand der Gesellschaft. In der Ballroom-Szene schufen sie sich einen sicheren Ort mit eigenen Regeln und echter Gemeinschaft. 

Die sogenannten „Bälle“ waren Wettbewerbe in verschiedenen Kategorien. Doch hinter den Kulissen stand etwas Größeres. Die Teilnehmenden bildeten „Häuser“, angeführt von „Müttern“ oder „Vätern“. Für viele waren diese Häuser ein Familienersatz. Die Serie begleitet Blanca, die nach ihrer HIV-Diagnose ein eigenes Haus gründet. Sie will nicht nur gewinnen. Sie will mit Liebe, Fürsorge und Schutz führen. 

Im Zentrum der Serie steht die Protagonistin Blanca, die sich nach ihrer HIV-Diagnose entscheidet, ein eigenes Haus zu gründen und eine „Mutter“ zu werden. Neben dem Ziel, in der Ballroom-Szene erfolgreich zu sein, möchte sie das Haus mit Fürsorge und gegenseitigem Vertrauen führen – etwas, dass ihr selbst in der Vergangenheit gefehlt hat. Sie nimmt einige sehr talentierte Mitglieder auf und sie werden schnell erfolgreich in der Szene. In kurzer Zeit schafft Blanca es mit ihren außergewöhnlichen Führungsfähigkeiten aus einer Gruppe an Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Herausforderungen ein Team zu kreieren, das nicht nur Wettbewerbe gewinnt, sondern auch füreinander da ist. Im Verlauf der Serie zeigt sich, dass in dieser Gemeinschaft sowohl die persönliche als auch die berufliche Weiterentwicklung der Teammitglieder gelingt.

Leadership Lesson #1: Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst

Blanca beginnt in einem Haus, das von Konkurrenzkultur geprägt ist. Die Hausmutter Elektra fördert Rivalität statt Zusammenhalt. Irgendwann spricht Blanca ihren Unmut aus und geht. Sie gründet ihr eigenes Haus, das auf Empathie und Vertrauen basiert.

Viele verharren in Missständen und beschweren sich lediglich über diese. Blanca entwickelt daraus schöpferische Kraft. Inmitten der AIDS-Krise absolviert sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, um anderen zu helfen. Sie wird zum Vorbild, weil sie handelt, statt zu warten.

Leadership Lesson #2: Auch mit Empathie können Wettbewerbe gewonnen werden

Blancas Führungsstil zeigt, dass man empathische Führung lernen kann, ohne die Leistungsbereitschaft zu verlieren. Sie erkennt Talente oft, bevor die Menschen selbst es tun. Sie hilft ihnen, diese zu entfalten. Sie fördert Mitgefühl und gegenseitige Unterstützung. Blanca sorgt außerdem dafür, dass diese Werte auch innerhalb des Teams gelebt werden. Gleichzeitig bleibt Ehrgeiz ein Teil des Hauses, denn dieser ist wichtig, um bei den Wettbewerben auf den Bällen erfolgreich zu sein.

Dieser Balanceakt macht das Team zu einem psychologisch sicheren Ort mit hoher Leistungsfähigkeit trotz der unsicheren und harten Welt, in der sich das Team befindet.

Leadership Lesson #3: Soziale Routinen ernst nehmen

Blanca führt mit klaren Regeln. Besonders wichtig ist das gemeinsame Abendessen, welches nie ausgelassen wird. Hier spricht das Team über Herausforderungen und feiert Erfolge. Diese Routine fördert Nähe, Vertrauen und Teamgeist.

Solche Rituale sind unscheinbar und zugleich mächtig. Das erkennt auch Blanca und nutzt diese Rituale als Führungswerkzeug zur Teamentwicklung. Mithilfe dieser Rituale wird aus Einzelnen eine Gemeinschaft mit starken sozialen Beziehungen.

Leadership Lesson #4: Empowerment bedeutet auch loslassen

Blanca unterstützt ihre „Kinder“ dabei, außerhalb der Szene zu wachsen. Sie glaubt an ihre Stärken, stellt Kontakte her, begleitet Bewerbungsgespräche. Sie hält niemanden zurück oder hindert ihr Team an der Entwicklung, um ihre eigene Macht zu sichern.

Als ein Teammitglied, Damon, professioneller Tänzer wird und das Haus verlässt, sieht sie darin keinen Verlust. Sie erkennt, dass Veränderung ein Zeichen gesunder (Team-)Entwicklung ist.

Leadership Lesson #5: Kümmere dich um dich selbst

Neben aller Fürsorge für andere achtet Blanca auf sich. Sie verfolgt ihre persönlichen Ziele und nimmt ihre Gesundheit ernst. Sie eröffnet mit dem Geld, das sie jahrelang angespart hat, ihr eigenes Nagelstudio, nimmt regelmäßig ihre Medikamente und findet einen liebevollen Partner.

Blanca schafft, wozu viele Führungskräfte nicht in der Lage sind: Empathische Führung bedeutet auch, Grenzen zu setzen und Selbstfürsorge zu leben.

Die doppelte Rolle der Führung

In „Pose“ sind Führungskräfte oft auch Elternfiguren. In Organisationen ist diese Nähe jedoch nicht immer ratsam. Eine gesunde Distanz im Beruflichen ist wichtig.  Nichtsdestotrotz sind unsere Eltern quasi unsere ersten Führungskräfte im Leben und gewisse Parallelen zur Führungsarbeit sind nicht von der Hand zu weisen.

Manchmal lohnt es sich daher, in schwierigen Führungssituationen zu fragen: Was würde die ideale Mutter oder der ideale Vater jetzt tun?

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Johanna Voigt, Principal Consultant