Künstliche Intelligenz (KI) ist eines der meistdiskutierten Themen derzeit. Sie wird Wirtschaft, Arbeit und das ganze gesellschaftliche Leben massiv prägen. Ein Unternehmen, das bei KI vorne mitspielt, ist IBM. 

Hans-Joachim Köppen arbeitet bei dem Technikunternehmen als Technical Leader Internet of Things and Industrie 4.0 und kennt sich wie nur wenige mit dem Thema aus. Er ist also ein wunderbarer Speaker für unser diesjähriges Hoffest. Schließlich ist das Motto: „Lust auf Zukunft“. Im Interview spricht er über das Wettrennen zwischen Deutschen und Amerikanern in Sachen KI und inwieweit es zu Jobverlusten kommen kann.

Herr Köppen, lange Zeit hieß es, amerikanische Unternehmen wie Google, Amazon oder Facebook hätten deutsche Firmen in Sachen künstlicher Intelligenz abgehängt. Würden Sie sagen, dass das Thema hierzulande mittlerweile ernster genommen wird?
Das Thema ist gut angekommen in Deutschland. Und wir müssen uns – zumindest grundlagentechnisch – nicht verstecken. Wir haben unter anderem das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, das sich institutionell seit vielen Jahren professionell mit dem Thema auseinandersetzt. Es liefert fundierte Kenntnisse. Und auch in der deutschen Wirtschaft steht Künstliche Intelligenz hoch im Kurs. Das sehen Sie zum Beispiel an der hiesigen Automobilindustrie, die dabei ist, Künstliche Intelligenz zu ihrer Kernkompetenz zu machen.

Aber wenn es darum geht, mit Produkten an den Markt zu gehen, sind uns die Amerikaner voraus?
Die amerikanischen Unternehmen sind etwas pfiffiger bei der Kommerzialisierung als wir. Das sieht man an Siri von Apple, Alexa von Amazon oder bei Google und IBMs Watson.

Was ist eigentlich Künstliche Intelligenz? Kann man sagen, es ist der Versuch, Maschinen zu bauen, die wie Menschen denken?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Künstliche Intelligenz wird in Computern programmiert. Es ist der Versuch, mit Algorithmen und Korrelationen die Funktionsweise des Gehirns nachzuahmen. Und mehr als das Nachahmen geht momentan auch nicht. Man kann ein Computersystem trainieren und ihm eine Vielzahl von Daten geben, so dass es in der Lage ist, Zusammenhänge in diesen Daten zu erkennen. Es versteht, zieht Schlussfolgerungen und lernt.

Die Demokratisierung von Wissen

In welchen Wirtschaftsbereichen passieren Ihrer Beobachtung nach momentan die größten Umwälzungen in Bezug auf Künstliche Intelligenz? Im Kundenservice? In der Verkehrssteuerung?
Man sieht es an Alexa von Amazon oder Siri von Apple. Ein großer Teil der KI wird dazu verwendet, die Schnittstelle zum Kunden anzureichern. Das Hilton Hotel in Atlanta hat zum Beispiel einen humanoiden Roboter, der mit Watson verbunden ist, an den sich viele Gäste mit Fragen wenden, die sie sonst dem Concierge gestellt hätten. Allerdings hat der Roboter wesentlich mehr Antworten. Er weiß, wo das beste Restaurant für welchen Geschmack ist oder welches Programm im Theater läuft. Der Gast muss sich auch nicht selbst durch irgendwelche unübersichtlichen Menus eines Automaten navigieren, er muss den Roboter nur ansprechen. Auch im Vergleich zu Call Centern bringen Bot-Systeme viele Vorteile, denn die menschlichen Ressourcen sind begrenzt. Ich muss nicht warten, bis eine Leitung frei ist, um eine Auskunft zu erhalten.

Was erhoffen sich die Unternehmen vor allem vom Einsatz Künstlicher Intelligenz? Was sind typische Anwendungsfälle?
Es gibt fünf Anwendungsfälle, die man zurzeit am häufigsten beobachten kann. Die Schnittstelle zum Kunden, habe ich bereits genannt. Ein anderer ist die Demokratisierung von Wissen. Hierbei werden Informationen aus ganz verschiedenen Quellen zusammengefasst und daraus Wissen gezielt extrahiert und verfügbar gemacht. Die KI durchsucht eine große Menge an Informationen in sehr kurzer Zeit, versteht sie und liefert schließlich sozusagen die Nadel im Heuhaufen oder zum Beispiel den besten Kandidaten für eine offene Stelle. Menschen können das aufgrund der Fülle an Informationen gar nicht mehr effektiv leisten. Wir haben heutzutage in einer komplexen Umgebung einfach zu viele Informationen und Optionen, die wir alleine nicht mehr komplett betrachten und in unsere Entscheidungen miteinbeziehen können. Die anderen drei Use Cases sind Bild- und Videoerkennung sowie maschinelles Lernen.

Mehr Möglichkeiten für die Menschen

Was müssen Unternehmen für Voraussetzungen mitbringen, um überhaupt KI-Systeme einsetzen zu können?
Künstliche Intelligenz ist heute in den meisten Fällen ein Cloud-Service. Es sind keine zusätzlichen Server nötig. Aber vor allem muss ein Unternehmen wissen, was es mit dem Einsatz von KI erreichen will. Welche Entscheidungsprozesse sollen unterstützt werden? Welche Kundenschnittstelle soll verbessert werden? Eine dritte Voraussetzung betrifft den Datenbestand. Ein Unternehmen sollte Daten haben, mit denen das KI-System trainiert werden kann. Wenn ein System zum Beispiel gut lackierte Teile erkennen soll, trainiert man es mit Bildern, die gut lackierte und nicht gut lackierte Teile zeigen.

Es wird viel diskutiert über die Frage, ob Künstliche Intelligenz zu großen Jobverlusten führen wird. Was glauben Sie?
Neue Technologien haben oft auch dazu geführt, dass von Menschen erledigte Routinetätigkeiten durch Maschinen gemacht werden konnten. Im Fall der Künstlichen Intelligenz wird das auch passieren, gleichzeitig werden aber ebenso neue Tätigkeiten und Berufe entstehen. In erster Linie wird KI den Menschen mehr Möglichkeiten bieten, zum Beispiel neue Erkenntnisse zu gewinnen. Nehmen Sie zum Beispiel die von mir erwähnte Durchdringung von einer großen Menge an Informationen. KI kann auf dieser Basis schneller Optionen zur Problemlösung anbieten, verbunden mit einer Einschätzung, wie sicher sie sich jeweils ist. Das System ist auch in der Lage darauf hinzuweisen, wie es zu einem Ergebnis gekommen ist, wo es die Informationen gefunden hat. Darauf basierend trifft aber der Mensch die Entscheidung. Der Arzt entscheidet, wie der Patient behandelt wird. Er kann jedoch nicht tausende Patientenakten lesen, um zu erkennen, was bei Patienten mit ähnlichen Erkrankungen geholfen hat.

Sie bringen zum Hoffest einen Roboter mit. Was ist das für ein Geselle und ist er für eine lockere Unterhaltung zu haben?
Ja, NAO wird dabei sein. Er arbeitet auch im besagten Hilton Hotel in Atlanta. Und ja, er redet auch gerne. Eine Studentin der Angewandten Informatik wird auf dem Hoffest erklären, was er so kann und wie alles zusammenhängt. Die Gäste dürfen gespannt sein.

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