Persönlichkeitstypen sind (nicht) in Stein gemeißelt

Es ist eine weit verbreitete Annahme, dass die Persönlichkeitsstruktur von Individuen mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter vollständig ausgebildet und stabil ist. Einige glauben sogar, dass genetische Faktoren im wesentlichen die Persönlichkeitsbildung bestimmen (Weber, 2014). Bevor wir jedoch tiefer in das Thema einsteigen, lassen Sie uns einen kurzen Blick auf das Konzept der Persönlichkeit werfen.

Der Ausdruck „Persönlichkeit“ darf nicht mit dem Begriff „Zustand“ assoziiert werden. Der Zustand einer Person beschreibt augenblickliche Gegebenheiten, wie Stimmungen oder Gefühle. Der Ausdruck „Persönlichkeit“ bezieht sich auf zeitlich überdauernde Eigenschaften des Charakters, die sich in einer Vielzahl von Verhaltensweisen in verschiedenen Situationen zeigen (Barenbaum & Winter, 2008). Bezüglich der Kategorisierung von Persönlichkeiten erfreut sich das Modell der Big Five (McCrae & Costa, 2008) großer Bekanntheit. Dieses Modell beschreibt die Persönlichkeit eines Menschen mit Hilfe von fünf Dimensionen: Offenheit für Erfahrungen, Extraversion, Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Um jedoch ein umfassendes Bild der Persönlichkeit zu skizzieren, sind diese fünf Dimensionen zu integrieren und zu einem Persönlichkeitskonzept zu aggregieren.
Dies führt uns zum Konzept der Persönlichkeitstypen. Unter dem Begriff der Persönlichkeitstypen lassen sich Gruppen von Individuen zusammenfassen, die gleiche Werte in der Ausprägung spezieller Persönlichkeitszüge aufweisen.

Robins et. al (1996) identifizierten erstmals die drei verschiedenen Persönlichkeitstypen, die häufig Verwendung finden: resiliente, überkontrollierte sowie unterkontrollierte Menschen. Die Gruppe der Resilienten kann als emotional stabil und sehr selbstbewusst beschrieben werden, wobei die Gruppe der Unterkontrollierten als sehr impulsiv und eigensinnig auftritt. Überkontrollierte sind im Gegensatz dazu emotional instabil und introvertiert.
Zwischen den herausgestellten Persönlichkeitstypen und dem Big Five Modell lassen sich nun einige Zusammenhänge herstellen: Resiliente weisen in allen fünf Dimensionen des Modells einen sehr hohen Wert auf. Im Vergleich erreichen die Unterkontrollierten eine besonderes geringe Ausprägung in den Dimensionen Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Überkontrollierte sind besonders introvertiert, neurotisch und wenig offen für Erfahrungen.

Wenn man solche Definitionen von Persönlichkeitskonzepten liest, erweckt es bei dem ein oder anderen vielleicht den Eindruck, dass die Konzepte sich auf die temporäre Stabilität von interindividuellen Charakterzügen konzentrieren. Tatsächlich aber wurde die Veränderbarkeit der Persönlichkeit in der Wissenschaft bereits erkannt. Weiterhin ist jedoch unklar, ob und an welchem Punkt des Lebens eines Menschen eine relative Stabilität der Persönlichkeit erreicht wird.

Viele Psychologen glauben, dass Persönlichkeit mit zunehmendem Alter an Stabilität gewinnt. Überraschenderweise zeigen neuste Untersuchungen von Specht, Egloff und Schmunkle (2011) sowie Specht, Luhmann und Geiser (2014), dass die Wahrscheinlichkeit bezüglich der Veränderung von Persönlichkeitszügen mit zunehmenden Alter ansteigen kann.

Specht und Kollegen analysierten die Konsistenz von Persönlichkeitstypen im Erwachsenenalter und im hohen Alter. Dabei konzentrierten sie sich auf die Veränderungen der Ausprägungen von Persönlichkeitseigenschaften nach dem Big Five Modell. Die Daten, die in beiden Studien verwendet wurden, entstammten hauptsächlich dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer seit 1984 fortlaufenden und umfangreichen Untersuchung von privaten Haushalten und Personen, durchgeführt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Zwei Methoden wurden zur Untersuchung der Studienteilnehmer in den Jahren 2005 bzw. 2009 angewandt: zum einen Präsenz-Interviews und zum anderen Online-Fragebögen (N>14.000; 16 bis 82 Jahre).
Auslöser für diese Studien war die Erkenntnis, dass die Mehrheit der bis dahin durchgeführten Studien sich auf die Untersuchung von Persönlichkeitstypen in einer bestimmten Lebensphase konzentrierte – entweder auf die Kindheit, die Jugend oder auf das junge Erwachsenenalter. In diesen Lebensphasen ist die Tendenz sehr hoch, dass mit zunehmenden Alter die Anzahl an Resilienten ansteigt und gleichzeitig die Anzahl an Unter- und Überkontrollierten sinkt. Studien, die nun die weitere Entwicklung der Persönlichkeit über das Alter von 30 Jahren hinaus verfolgen, sind sehr rar.

Specht et al waren nicht in der Lage, ein spezifisches Alter zu identifizieren, in dem die Persönlichkeit ihre maximale Stabilität erreicht. Es scheint nach ihren Untersuchungen eher der Fall zu sein, dass Veränderungen von Persönlichkeitszügen über das gesamte Leben hinweg beobachtbar sind. So stellten sie fest, dass Individuen jenseits eines Alters von 30 Jahren ihre Persönlichkeit erheblich verändern, in manchen Fällen sogar stärker als in den vorangegangenen jungen Jahren. Speziell die Typen der Unterkontrollierten gleichen sich den Ausprägungen der Resilienten an. Interessanterweise bleibt der Charakter in der Phase des mittleren Alters vergleichsweise stabil, obwohl man allgemein in dieser Zeit von der Phase der Midlife Crisis spricht. Die große Überraschung hält das hohe Alter bereit: Den Forschern ist es gelungen zu zeigen, dass 25% der untersuchten Personen im Alter von 70 Jahren oder älter sich in ihrer Persönlichkeit veränderten. „Anders als bei den jungen Erwachsenen folgen die Persönlichkeitsveränderungen bei den Senioren jedoch keinem typischen Reifungsmuster.“ sagt Specht (Weber, 2014). Einige verändern die Persönlichkeit in Richtung der Resilienten, andere entwickeln sich eher in Richtung der Unter- oder Überkontrollierten.

Warum tritt dieser Wandel ein und was sind die Hauptgründe hinter diesem Prozess? Bezogen auf Neyer und Asendorpf (2001) gibt es zwei Perspektiven: der essentialistische Ansatz konzentriert sich auf genetische Faktoren, wohingegen der kontextorientierte Ansatz Umweltfaktoren fokussiert.

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In jüngerer Zeit wurden diese beiden Extreme miteinander kombiniert, was bedeutet, dass Veränderungen nicht nur durch intrinsische Reife sondern auch durch gesellschaftliche Ansprüche und Erfahrungen bestimmt sind. Dennoch, die konkreten psychologischen und behavioristischen Mechanismen, die zu Persönlichkeitsveränderungen beitragen, sind bisher noch nicht komplett erforscht.

Bedenkt man die Popularität von Persönlichkeitskonzepten wie dem Big Five Modell als Prädiktoren für zukünftiges Leistungsvermögen, kann der Aspekt der Veränderlichkeit nicht überbewertet werden. Daher bleibt es wie bei allen Arten von Bewertungssystemen notwendig, einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen sowie die sich anschließende Interpretation und Nutzung der Daten mit Augenmaß zu gestalten.

Barenbaum, N.B. & Winter, D.G. (2008). History of modern personality. In O. P. John, R. W. Robins, & L. A. Pervin (Eds.), Handbook of personality: Theory and research (3rd ed., p. 11). New York, NY: Guilford Press.

McCrae, R. R., & Costa, P. T., Jr. (2008). The five-factor theory of personality. In O. P. John, R. W. Robins, & L. A. Pervin (Eds.), Handbook of personality: Theory and research (3rd ed., pp. 159–181). New York, NY: Guilford Press.

Neyer, F. J., & Asendorpf, J. B. (2001). Personality–relationship transaction in young adulthood. Journal of Personality and Social Psychology, 81, 1190–1204.

Robins, R. W., John, O. P., Caspi, A., Moffitt, T. E., & Stouthamer-Loeber, M. (1996). Resilient, overcontrolled, and undercontrolled boys: Three replicable personality types. Journal of Personality and Social Psychology, 70, 157-171.

Specht, J., Egloff, B. & Schmukle, S. C. (2011). Stability and change of personality across the life course: The impact of age and major life events on mean-level and rank-order stability of the Big Five. Journal of Personality and Social Psychology, 101, 862-882.

Specht, J., Luhmann, M. & Geiser, C. (2014). On the consistency of personality types across adulthood: Latent profile analyses in two large-scale panel studies. Journal of Personality and Social Psychology, 107, 540-556.

Weber, C. (2014). Spätzünder. Süddeutsche Zeitung, 1.10.2014, 16.

|  Verfasst von Christian Völkl

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11.11.2017

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