(K)eine tägliche Routine fördert die Kreativität

 

Kreativität entsteht im Chaos. Und Routine ist etwas für langweilige Spießer – so zumindest ein gängiges Vorurteil. Aber gehen Routine und Kreativität wirklich nicht zusammen?

Nichts scheint Kreativität ferner zu liegen als Routine. Wir assoziieren sie mit Achtstundentagen, langen Arbeitswegen und Worten wie „langweilig“, „beengend“ oder „wiederholend“. In der Programmiersprache wird Routine als eine Abfolge von Anweisungen beim Ausführen einer (Teil-)Aufgabe definiert (Oxford 2017). Kreativität wiederum baut auf Fantasie auf, um das Potenzial vorhandener Ideen freizusetzen und Raum für neue zu schaffen (Mumford 2003). Somit liegt die Schlussfolgerung nahe, dass man seine Kreativität durch regelmäßige Routine einschränkt. Nun stellt sich die Frage: Sind diese beiden Begriffe wirklich so gegensätzlich wie zum Beispiel Kaffee und Tiefschlaf – entweder das eine oder das andere? Oder stehen sie gar in konstruktiven Wechselbeziehungen zueinander und Routine ist nötig, um kreativ zu sein?

Interessanterweise sind Routinen bei berühmten kreativen Persönlichkeiten sehr üblich. Mason Currey hat tägliche Rituale und Routinen von Berühmtheiten wie Sigmund Freud, Franz Kafka oder Woody Allen in einer faszinierenden Sammlung zusammengetragen. Es zeigte sich dabei, dass statt in Ruhe auf eine Inspiration zu warten, erfolgreiche, kreative Menschen klare Routinen nutzen, um ihre gestalterischen Fähigkeiten anzuregen. Kurze Pausen wie Nickerchen oder tägliche Spaziergänge gehören dabei zu den häufigsten Gewohnheiten (Currey 2013).

Leichtigkeit und Spieltrieb

Der amerikanische Professor für Psychologie und Gründer des Institute of Personality Assessment and Research der Berkeley Universität in Kalifornien, Donald W. MacKinnon, analysierte über mehrere Jahre Ingenieure, Architekten, Wissenschaftler und Schriftsteller, die von ihrer jeweiligen Interessensgemeinschaft als die Kreativsten bezeichnet wurden. Er stellte fest, dass sie im Vergleich mit anderen zwar keinen markanten Unterschied bezüglich des IQ aufwiesen, jedoch eine deutlich höhere Leichtigkeit darin gefunden hatten, sich in eine spezielle Stimmung oder einen Zustand zu bringen, der ihrer natürlichen Kreativität erlaubte, sich zu entfalten. Er beschreibt dies als die Fähigkeit zu spielen (MacKinnon 1963).

Der britische Schauspieler John Cleese untersuchte zusammen mit dem Psychotherapeuten Robin Skynner, wie psychologisch „gesunde“ Familien funktionieren und verglich diese mit der Funktionsweise erfolgreicher Unternehmen. Es zeigte sich, dass Menschen in zwei verschiedenen Modi agieren bzw. arbeiten: geschlossen oder offen. Den Großteil der Zeit verbringen sie im geschlossenen Modus und verhalten sich dabei aktiv, angespannt und unruhig, dabei jedoch zielgerichtet. Aufgaben werden dabei nach eigener oder fremder Vorgabe „abgearbeitet“. Kreativität ist im geschlossenen Modus laut der Untersuchung nicht möglich. Im offenen Modus sind Menschen entspannter, nachdenklicher, weniger zielgerichtet und eher verspielt. Sie bewegen sich freier und sind offen für Neues (Skynner 1991).

Gemäß Cleese existieren fünf Bedingungen für den offenen Modus: Es braucht (1) einen ablenkungsfreien Raum und (2) einen fest vorgegebenen Zeitraum. (3) Die Zeit sollte aufgeteilt werden in die Beschäftigung mit dem Problem und die Kreation von Ideen sowie das umsetzungsreife Konkretisieren der Ideen. Je mehr Zeit man mit dem Problem verbringt und nicht die erstbeste Lösung akzeptiert, desto größer sind die Chancen, kreative Lösungen zu entwickeln. Dies entspricht ebenfalls den Forschungsergebnissen von MacKinnon, wobei sich seiner Analyse nach beruflich erfolgreiche Testpersonen deutlich länger mit dem Problem beschäftigten als weniger erfolgreiche. Zusätzlich zu räumlichen und zeitlichen Bedingungen braucht es laut Cleese (4) eine vertrauensvolle Umgebung, um gedankliche Freiheit zulassen zu können, in der es kein „falsch“ gibt sowie (5) genügend Platz für Humor, mit dessen Hilfe man am schnellsten vom geschlossenen in den offenen Modus wechseln kann.

Wechsel zwischen offenem und geschlossenem Modus

Die Sammlung von Currey verdeutlicht ebenfalls, dass Routinen einen klaren zeitlichen Bezug aufweisen: Kreativität wird somit durch zeitliche Zuordnung in einen greifbaren Rahmen gebunden. Zum Beispiel ist der Erfolg der Innovationsmethode Design Thinking, die immer stärker in Unternehmen Anwendung findet, auch darauf zurückzuführen, dass dabei zwischen den beiden Modi „offen“ und „geschlossen“ bewusst und kontrolliert gewechselt wird und kreativen Prozessen damit eine greifbare Struktur geboten wird. Im offenen Modus werden Probleme analysiert. Im geschlossenen Modus werden hingegen Lösungsmöglichkeiten entwickelt, konkretisiert und umgesetzt. Laut dem Autor Tanner Christensen macht es dabei durchaus Sinn, zwischen Imagination (Träume oder träumerischer Zustand für Perspektivwechsel), Kreativität (neue Wege finden, um bekannte Probleme zu lösen) und Innovation (Weiterentwickeln von bestehenden Systemen und Ideen) zu unterscheiden. Imagination dient dazu, neue Geschichten zu erschaffen, die durch kreative Prozesse realisierbar werden (Christensen 2015a). Innovation hingegen nutzt die Kraft von Kreativität und Imagination für die (messbare) Optimierung von schon Bestehendem (Christensen 2015b).

Aus den verschiedenen Studien kann somit durchaus der Schluss gezogen werden, dass eine konstruktive Wechselbeziehung zwischen Routine und Kreativität besteht. Routine kann für das Schaffen von kreativem Freiraum hilfreich sein, wobei eine äußere Vorgabe weniger förderlich ist. Für Mitarbeitende eines Unternehmens wird idealerweise ein Rahmen geboten, in dem eine Routine möglich ist, diese sich jedoch so gut wie möglich an individuelle Bedürfnisse anpassen lässt. Das Gleiche gilt für kreativen Freiraum: „Jeder kann sich seine eigene Kreativitätstechnik basteln, sofern er bereit ist, mit seinem Denken und Handeln zu experimentieren“, sagt der Autor und Neurobiologe Henning Beck vom Scene Grammar Lab an der Goethe- Universität Frankfurt am Main (Beck, 2017). Er meint damit: Jeder hat seinen eigenen Arbeitsrhythmus. Während manche ihre Kreativität routiniert betreiben, arbeiten andere getreu dem Klischee des Künstlerchaos. Die schöpferische und erfinderische Kraft der Menschen wird besonders in Zeiten künstlicher Intelligenz, in denen Roboter vermehrt Routinearbeiten übernehmen, immer wichtiger. Imagination und Kreativität werden wohl noch für längere Zeit exklusive menschliche Eigenschaften sein, für die es sich mehr und mehr lohnt, den nötigen Freiraum zu schaffen.

„Routine“ Oxford dictionary. Oxford University (2017): Oxforddictionaries.com/definition/routine

Mumford, Michael (2003). Where have we been, where are we going? Taking stock in creativity research, in: Creativity Research Journal, 15, S. 107–120.

MacKinnon, Donald. W. (1963). Applied Psychology. The Identification of Creativity.

Skynner, Robin (1991). Institutes and How to Survive Them

Currey, Mason (2013). Daily Rituals

Christensen, Tanner (2015a). http://creativesomething.net/post/119280813066/the-differences-between-imagination-creativity

Christensen, Tanner (2015b). The Creativity Challenge: Design, Experiment, Test, Innovate, Build, Create, Inspire, and Unleash Your Genius

Beck, Henning (2017). Irren ist nützlich: Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind

| Verfasst von Michael Schriber

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11.11.2017

Es wird Zeit, etwas Neues zu wagen.