Ein Gespräch mit Dr. Stephanie Busch und Heiko Lammers

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30. März 2016

Jimdo ist ein Produkt der in Hamburg ansässigen Jimdo GmbH, einem Anbieter von Website-Baukästen und Internet-Dienstleistungen. Gegründet im Jahr 2007 arbeiten inzwischen 230 Menschen aus 15 Ländern für Jimdo. Der aktuelle Umsatz beläuft sich auf 9,4 Millionen.

Böppel Stephanie, Du bist bei JIMDO als Personalerin unter anderem verantwortlich für das Onboarding. Was erwartet neue Mitarbeiter bei JIMDO in ihrer ersten Woche? Wie ist Deine erste Woche verlaufen?

Stephanie Busch: Trotz meiner Erfahrungen aus anderen Startups war für mich hier einiges komplett anders, als ich es gewohnt war. Ich wurde zum Beispiel aufgefordert einfach mal einen Tag in unserem größten Gemeinschaftsraum (Café) zu sitzen und mir das „Treiben“ hier anzuschauen. Auf meinen Einwand hin, dass ich bei so viel Ablenkung doch gar nicht produktiv arbeiten könne, wurde ich aufgeklärt, dass es vielmehr darum ginge, die Arbeitsweise zu verstehen, Kollegen kennenzulernen und bei Jimdo anzukommen.

Böppel JIMDO wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, wie zum Beispiel dem Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Aufsteiger. Gleichzeitig fühlt man sich in den Räumlichkeiten hier als würde man in einer großen WG sitzen. Wie passt das zusammen?

Stephanie Busch: Das hängt eng zusammen. Jimdo will kein klassisches Unternehmen sein. Gerade weil die Räumlichkeiten hier eher den Anschein einer großen WG haben, gehen die Kollegen auch viel freundschaftlicher miteinander um. Bei uns spielt das „Why“ und der „Sinn“ einer Aufgabe eine sehr große Rolle.

Wir arbeiten hier nach sogenannten Core Concepts, die grundlegende Regeln unserer Zusammenarbeit definieren (z.B. Scrum, Kanban, Kaizen, continuous improvement, Feedbackkultur). Diese basieren alle auf der Jimdo “Prime Directive”:

„Regardless of what we discover, we understand and truly believe that everyone did the best job they could, given what they knew at the time, their skills and abilities, the resources available, and the situation at hand.“

Außerdem nutzen wir Communities of Practice, bei denen jeder, der Interesse an einem Thema hat, seine Meinung einbringen kann. Klar definierte Prozesse und Standards gibt es (bisher) hingegen weniger. Für strukturierte Menschen wie mich stellt das manchmal eine echte Geduldsprobe dar.

Insgesamt wird einfach ganz viel ausgetestet: Unsere Entwickler arbeiten aktuell in 6-wöchigen Sprints zusammen. Themen werden definiert, priorisiert und ausgewählt und dann finden sich die Teams dazu selbstorganisiert zusammen. Das ist allerdings auch erst seit Kurzem so und wird ständig weiter optimiert.

Böppel Wie findet man bei so viel Offenheit seine Grenzen heraus?

Heiko Lammers: Insgesamt kann man sagen, dass man bei JIMDO nicht gegen Wände läuft, sondern vielmehr immer wieder überlegen muss, in welche Richtung man eigentlich laufen möchte. Im Vergleich zu größeren Konzernen werden Entscheidungen hier nach meiner Erfahrung schneller getroffen und weniger politisch diskutiert.

Wir stellen sehr viel Transparenz über Prozesse her. Dafür braucht es natürlich viel Vertrauen und auch die Bereitschaft, sich mit sich selbst und mit dem Gegenüber auseinander zu setzen.

Böppel Wie sichert Ihr Eure Zielerreichung?

Heiko Lammers: In sogenannten Retrospektiven schauen wir uns an, was hat funktioniert? Was ist gut gelaufen, was nicht? War der Zeitrahmen realistisch? Ganz wichtig ist dabei, dass wir Blaming verhindern, denn das hilft ja keinem. Ansonsten arbeiten wir viel mit KANBAN und Projektwänden, digital mit Trello. Außerdem haben wir vier interne Mitarbeiter, die sich nur mit Coaching beschäftigen. Einzelcoaching, Teamcoaching etc.

Wichtig ist aber auch hier der hohe Austausch. Hinter einem Prozess, einer festen Regel oder einem Budget kann man sich gut verstecken, hinter einem Kollegen nicht. Nach meiner Erfahrung übernimmt hier jeder deutlich mehr Verantwortung als in einem großen Konzern, in dem man sich leichter mal verstecken kann. Jeder fühlt sich stärker mitverantwortlich für das Gesamtgelingen der Company.

Böppel Es klingt so, als würde mir als Mitarbeiter bei JIMDO einerseits sehr viel Freiheit gewährt andererseits aber auch erwartet, dass ich mich auf das Treiben hier einlasse und mich persönlich stark einbringe. Wer passt zu JIMDO und wie findet Ihr das heraus?

Heiko Lammers: Dank unserer ausgeprägten Kultur und deren Bedeutung für unsere Zusammenarbeit gibt es hier schon recht starke Selbstselektionskräfte. Wer zu JIMDO passt und sich angezogen fühlt, wird größtenteils von einer Übereinstimmung der Werte bestimmt. Da merkt man auch ziemlich schnell in den ersten Gesprächen, ob das funktioniert.

Stephanie Busch: Daher ist auch der Auswahlprozess für neue Mitarbeiter teamgesteuert. Wir führen meist eine Telko durch um erste Fragen zu klären und laden Bewerber dann zu einem persönlichen Gespräch ins Jimdo-Office ein. An diesem Treffen können gern auch mal vier Personen aus dem zukünftigen Team teilnehmen und es ist – schon aufgrund unserer Raumkapazitäten – nicht unüblich, dass derartige Gespräch im „open Space“ z.B. in der Nähe von kaffeetrinkenden Kollegen stattfinden.

Meistens gibt es noch einen Probetag, an denen Bewerber kennenlernen können, wie sich das Arbeiten hier so anfühlt. Und schlussendlich entscheidet auch das Team, ob es passt oder nicht.

Was mir ebenfalls hier aufgefallen ist: Insgesamt gibt es bei uns recht viele Personen, die neben ihrem Job bei uns noch einen anderen kreativen Job ausüben (Designer, Fotografen, DJ, Illustratoren). Jimdo ermutigt die Kollegen also, auch ihren privaten Leidenschaften nachzugehen und zeigt sich reduzierten oder flexiblen Arbeitszeitmodellen gegenüber sehr offen.

Böppel Werden Gruppendynamiken nicht stärker, wenn Rollen so wenig definiert sind und man sich auch im Arbeitskontext so nahe steht?

Heiko Lammers: In gewisser Weise schon. Insgesamt braucht man hier eine hohe Sozial-Veträglichkeit und es kann auch schonmal etwas emotionaler sein als bei anderen Arbeitgebern. Aber trotzdem passiert das nie auf eine unangenehme Weise. Machtkämpfe haben hier keinen Platz.

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