„Es geht darum, für das Loslassen zu schwärmen“

Mirjam Stegmaier ist seit kurzem bei HRpepper und bringt ein spannendes Profil mit. In Antwerpen hat sie Innovation & Entrepreneurship studiert und danach Erfahrungen in einer Hilfsorganisation gesammelt. Im Interview hat Mirjam uns erzählt, was sie persönlich braucht, um auf kreative Ideen zu kommen.

Mirjam, bevor du zu HRpepper gekommen bist, warst du Trainee bei einer Hilfsorganisation. Denkst du, dass du aus deiner vorigen Tätigkeit etwas für den Berater-Beruf mitnehmen konntest?
Ich denke, dass ich durchaus einige wertvolle Erfahrungen für meine Beratertätigkeit mitnehmen konnte. Zunächst habe ich Geduld und Verständnis für Organisationen entwickelt, die eine lange Tradition haben und sich als „schwere Tanker“ nur langsam auf dem Wasser vorwärtsbewegen. Außerdem habe ich gelernt, wie wertvoll der Wissens- und Erfahrungsschatz langjähriger Mitarbeiter ist, die den Tanker zuverlässig auf Kurs halten. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ich als Beraterin den Reifegrad einer Organisation ganz genau unter die Lupe nehmen möchte, um individuelle Lösungen und Veränderungskonzepte zu schaffen, die im jeweiligen Unternehmenskontext sinnstiftend sind. Dabei spielt es für mich eine besondere Rolle, den Mitarbeiter und seine Bedürfnisse in den Fokus zu stellen und ihn im Veränderungsprozess wertschätzend und eng zu begleiten.

Du hast in Antwerpen Innovation & Entrepreneurship studiert. Was ist deiner Erfahrung nach die wichtigste Voraussetzung für die Innovationsfähigkeit einer Organisation?
Es gibt ein sehr schönes Zitat von John Maynard Keynes aus seinem Standardwerk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ aus dem Jahr 1936, das für mich eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Innovationsfähigkeit einer Organisation sehr treffend auf den Punkt bringt: „Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken, als in der Befreiung von den alten.“ Kurz gesagt, es geht um das Loslassen. Es geht darum, für das Loslassen zu schwärmen, fernab offensichtlicher Risiken und Nebenwirkungen. Es gibt immer einen Grund stehen zu bleiben und zu klammern, doch wir brauchen den Mut, trotzdem das Neue zu wagen – eben Lust auf Veränderung.

Was hilft dir persönlich, um kreativ zu sein?
Um kreativ zu sein, hilft mir persönlich Ruhe und eine gewisse Abgeschiedenheit sowie eine Umgebung, in der ich mich wohlfühle. Wenn ich die Chance habe,  meine Gedanken schweifen zu lassen, kommen die Ideen oft ganz von allein. Außerdem lese ich privat gern philosophische Romane, die mich inspirieren und immer wieder meinen Ideenspeicher füllen. Oft entstehen kreative Impulse für mich auch aus Dialogen mit spannenden Gesprächspartnern. Gerade durch die Diskussion kann ich meinen eigenen Horizont erweitern und neue Perspektiven einnehmen, aus denen sich wiederum fruchtbare Ideen entwickeln. Wenn es mal schnell gehen muss, wende ich gezielt Kreativitätstechniken an.

Die Arbeits- und Wirtschaftswelt wandelt sich gerade enorm. Welche Entwicklung beobachtest du mit ganz besonderem Interesse?
Ich beobachte mit Spannung, wie vor allem etablierte Unternehmen mit den komplexen Fragestellungen der Digitalisierung und Innovationsfähigkeit umgehen. Einige größere Organisationen scheinen für sich die Lösung darin gefunden zu haben, eigene Start-ups zu gründen. Die sollen dann losgelöst vom Mutterunternehmen die interne Digitalisierung vorantreiben sowie Geschäftsmodell-Innovationen hervorbringen. Hier sehe ich allerdings die Gefahr, dass die entstehende Dualität von Geschwindigkeiten und Kulturen zur organisationalen Zerreißprobe wird – mit den entsprechenden Auswirkungen für die Mitarbeiter, die   sich in diesem Spannungsfeld bewegen. 

Sprichst du eigentlich Flämisch?
Während meines einjährigen Masterstudiums habe ich zeitweise einen Sprachkurs besucht und konnte dann einfache Unterhaltungen auf „Flämisch“ bestreiten. Da allerdings das Studium auf Englisch war, die Klasse international bunt gemischt und die Bewohner von Antwerpen sehr gutes Englisch sprechen, kam das Flämisch zugegebenermaßen vielleicht etwas zu kurz. Doch dafür konnte ich mein Englisch weiter professionalisieren, was sicher nicht ganz unnütz war.

Die Fragen stellte Jan C. Weilbacher